Bilanzbuchhalterprüfung: Missstände aufgedeckt

Veröffentlicht am von Haufe eCampus Redaktion

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Herkulesaufgabe; Foto: Udo Weber, Photos.com

Trotz identischer Prüfungsaufgaben bei den Industrie- und Handelskammern (IHK) sind die Bestehensquoten bei der Bilanzbuchhalterprüfung extrem unterschiedlich: In Hamburg und Hannover liegen diese bei rund 20 %. An den Kammern Coburg und Heuberg bestehen nahezu alle Teilnehmer. Der Beitrag greift die Gründe auf, erläutert anhand von realen Prüfungsaufgaben das Problem und gibt Vorschläge für eine mögliche Beseitigung. 

Von WP/StB Prof. Dr. Horst Walter Endriss

 

1. Kapitel: Bestehensquoten zwischen 15 und 100%

Seite Jahren gibt es keine plausiblen Statistiken zur Bilanzbuchhalterprüfung. Stimmende Statistiken sind aber für die interessierte Öffentlichkeit (Teilnehmer, Dozenten, Prüfer, Lehrgangsträger, Unternehmer, die IHK selbst) unbedingt erforderlich, insbesondere für Planungs- und Organisationszwecke.

Auch ohne plausible Statistiken ist aber bekannt, dass die Bestehensquote in der Bilanzbuchhalterprüfung bei den einzelnen Industrie- und Handelskammern – bei bundeseinheitlich gleichen Prüfungsaufgaben! – zwischen 15 und 100 % schwankt. Damit ist offenkundig, dass viele Teilnehmer an Kammern mit einer weit unter dem Durchschnitt liegenden Bestehensquote benachteiligt sind, dass ihnen also Unrecht geschieht. 

Beurteilung der Ergebnisse wird erschwert

Nach Mitteilung der Ergebnisse der schriftlichen Prüfung können Prüfungskandidaten den Eindruck haben, dass ihre Noten eigentlich besser sein müssten. Bei einer Bestehensquote, die bei nicht wenigen Kammern weit unter 50 % bis hin zu 15 % liegt, tritt dieser Fall häufig auf. In solchen Fällen müssen die Prüfungskandidaten die Gelegenheit haben zu überprüfen, ob die Bewertung ihrer Arbeiten den Grundsätzen ordnungsgemäßer Beurteilung entspricht. Nur ganz wenige IHK händigen in solchen Fällen den Prüfungskandidaten Kopien der Prüfungsarbeiten mit ihrer Bewertung aus, damit eine solche Überprüfung stattfinden kann. Andere Kammern händigen keine Kopien aus, gewähren aber zur Einsicht eine angemessene Zeit, in der die Prüfungsarbeiten mit ihren Bewertungen abgeschrieben werden können.

Manche Kandidaten behelfen sich zur Vermeidung einer solch überflüssigen Zeitverschwendung damit, die Arbeiten mit ihren Handys zu fotografieren. Oft ist dann allerdings eine gute Leserlichkeit nicht gewährleistet. Schließlich gewähren viele Kammern zur Einsicht nur eine sehr begrenzte Zeit, z. B. 30 min., in denen „unter Aufsicht“ nur Notizen erlaubt sind.

Wird eine Einsicht gewährt, müssten bei der „Einsicht“ mindestens die Aufgaben und die Lösungen vorgelegt werden, damit der Prüfungskandidat seine Ausführungen mit der „Sollerwartung“ vergleichen kann.

Es ist ganz unangebracht, den Prüfungskandidaten solche Hindernisse in den Weg zu legen. Zudem wird mit der Prüfungsanmeldung und -zulassung ein beiderseitiger Vertrag eingegangen, der aber nicht dahin ausgelegt werden kann, dass die schriftlichen Prüfungsleistungen allein der IHK zur Nutzung zustehen. Es ist das selbstverständliche Recht jedes Prüfungskandidaten, die Ergebnisse seiner schriftlichen Arbeiten zu überprüfen. Das kann er nur, wenn ihm die Arbeiten in Kopie mit ihrer Bewertung vollständig vorliegen. Deshalb muss es auch eine Selbstverständlichkeit sein, dass die Kammern Kopien der geschriebenen Arbeiten, der Prüfungsaufgaben und ihrer Lösungen aushändigen. Die Weigerung, Kopien auszuhändigen, bedeutet, dass das Recht auf Widerspruch praktisch nicht gewährt wird.

Pflicht zur Überlassung von Kopien der Prüfungsarbeiten

Die Pflicht zur Überlassung von Kopien der Prüfungsarbeiten ergibt sich auch aus der Verwaltungsgerichtsrechtsprechung. Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof hat im Urteil vom 26.8.1977 entschieden, dass dem Prüfungsteilnehmer Fotokopien auszuhändigen sind. Die Zusammenfassung im Internet lautet: „Der Prüfling darf auch Fotokopien von den Akten anfertigen, z. B. um diese für sich selbst zu archivieren oder einem Anwalt zukommen zu lassen. Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof hat nämlich festgestellt, dass Prüfungsakten nicht geheim zu halten sind. Dabei muss die Behörde allerdings nicht die Fotokopien selbst anfertigen. Die Kosten dafür hat der Prüfling zu tragen.“ 

2. Kapitel: Gründe für zu schlechte Prüfungsergebnisse

Im 2. Teil unseres des Beitrags werden die Gründe für die schlechten Prüfungsergebnisse aufgezeigt. Für jeden Grund wird eine Beispielaufgabe herangezogen. 

Grund 1: Schablonenhafte Korrektur der Prüfungsarbeiten

Die Lösungshinweise der IHK zu den Aufgaben werden in viele Lösungselemente aufgeteilt und jedem Lösungselement werden Punkte – sehr oft nur einer – zugeordnet. Offenbar geschieht das mit der Absicht, eine solche vorgegebene „Schablone“ könne zu einer besonders guten und genauen Beurteilung der Prüfungsleistungen führen.

Diese gut gemeinte Absicht wird aber gerade nicht erreicht. Die Korrektoren suchen nach genau diesen Berechnungen und Ausführungen der Lösungshinweise in den Arbeiten der Prüfungsteilnehmer. Da aber die Denkweise, der Aufbau und die Ausdrucksweise der Prüfungsteilnehmer unterschiedlich sind, finden die Korrektoren die genauen Vorgaben der Lösungshinweise nicht und vergeben schon deshalb zu wenig Punkte. Das führt dann häufig zu einer viel zu schlechten Beurteilung.

Praxis-Beispiel zur schablonenhaften Korrektur

Im Fach „Erstellen von Abschlüssen nach internationalen Standards – Grundlagenteil“ im Frühjahr 2012 lautete Aufgabe 4:

Die Anton AG hat am 1. Dezember 2009 ein Gebäude erworben. Die Anschaffungskosten des Gebäudes betrugen einschließlich einzeln zugeordneter Anschaffungsnebenkosten 10.570.000 € und wurden per Bank bezahlt. Das Gebäude dient als Kapitalanlage und wird an andere Unternehmen vermietet. Die voraussichtliche Nutzungsdauer beträgt 35 Jahre. Zum 31. Dezember 2009 betrug der Marktwert 10.570.000 €. Zum 31. Dezember 2010 war der Marktwert für das Gebäude auf 11.000.000 € gestiegen. Zum 31. Dezember 2011 ist der Marktwert des Gebäudes auf 8.500.000 € gesunken. Alle anderen Immobilien nutzt die Anton AG selbst.

Bearbeitungshinweise: Hier sind die Bearbeitungshinweise a), b), c), und e) für die zu diskutierende Problematik ohne Bedeutung; d) lautete:

d) Stellen Sie die wesentlichen Merkmale der Folgebewertung nach dem Modell des beizulegenden Zeitwertes dar und ermitteln Sie die Bilanzwerte zum 31. Dezember 2009, 2010 und 2011. Geben Sie alle Buchungssätze an. (12 Punkte)

Begründen Sie Ihre Aussage jeweils mit den IFRS-Vorschriften.

Hinweis: Latente Steuern sind nicht zu berücksichtigen.

Die Lösung der IHK zu d) lautete für den 31.12.2009: Zum 31. Dezember 2009: Der Marktwert beträgt 10.570.000 €. Es ist keine Buchung vorzunehmen. (2 Punkte)

Der Prüfungskandidat hat ebenfalls keine Buchung vorgenommen. Es wurde ihm von den hierfür vorgesehenen 2 Punkten keiner gegeben. Im Widerspruch wurde dargelegt, dass die zwei Punkte gegeben werden müssen, weil richtigerweise keine Buchung vorgenommen wurde. Dazu heißt es im ablehnenden Widerspruchsbescheid: „Hier war die ausdrückliche Antwort erforderlich, dass keine Buchung notwendig ist. Wenn darauf nicht eingegangen wird, ist die Aufgabe nicht bearbeitet.“

Wenn die Angelegenheit für den Betroffenen nicht so traurig wäre, müsste man zu dieser Antwort schmunzeln.

Im Übrigen sei darauf hingewiesen: In dieser Arbeit hatte der Kandidat 49 Punkte (= mangelhaft) erzielt. Bei Vergabe der beiden Punkte (oder auch nur von einem) wäre das Ergebnis „ausreichend“ gewesen. 

Grund 2: Fehleinschätzung von Folgefehlern

Die Prüfungsaufgaben und ihre Lösungen sind häufig sehr komplex. Das führt oft zu Folgefehlern. Es verstößt gegen die Grundsätze ordnungsgemäßer Beurteilung von Prüfungsaufgaben, solche Folgefehler als neue Fehler zu werten.

Praxis-Beispiel zu Folgefehlern:

Im Fach „Steuerrecht und betriebliche Steuerlehre“ im Herbst 2012 befasste sich die Aufgabe 2 mit Problemen der Gewerbesteuer. Zum Schluss dieser komplexen Aufgabe musste der Gewerbesteuermessbetrag berechnet werden. Im Lösungshinweis der IHK war der Gewerbesteuerertrag nach vielen Lösungsschritten mit 299.000 € berechnet. Somit betrug der Gewerbesteuermessbetrag 3,5 % von 299.000 € = 10.465 €.

Der Prüfungskandidat hatte an einigen Stellen Lösungen, die vom Lösungshinweis der IHK abwichen. „Sein“ Gewerbesteuerertrag betrug deshalb 318.000 € und er errechnete den Gewerbesteuermessbetrag folgerichtig 3,5 % von 318.000 € = 11.130 €.

Er erhielt von den vorgesehenen zwei Punkten nur einen, offenbar deshalb, weil er die Messzahl richtig mit 3,5 % angenommen hatte.

In dem hiergegen gerichteten Widerspruch beantragte er, dass ihm auch der zweite Punkt gegeben werden müsse, weil seine Berechnung folgerichtig sei. Im ablehnenden Widerspruchsbescheid

wurde ausgeführt: „Dieser Punkt wird nur bei einem zutreffenden Ergebnis gegeben, um ein umfassend richtiges Ergebnis von allen anderen Lösungen hervorzuheben.“

Es handelt sich um einen Verstoß gegen den Grundsatz, dass Folgefehler nicht erneut mit einem Punktabzug bestraft werden dürfen.

Grund 3: Unklare Aufgabenstellung

Ursache für die falsche Beurteilung von Prüfungsleistungen ist häufig eine unklare Aufgabenstellung. Im Fach „Steuerrecht und betriebliche Steuerlehre“ vom Herbst 2012 lautete beispielsweise der Bearbeitungshinweis b) zur Aufgabe 5: „Führen Sie alle nach dem Körperschaftsteuergesetz notwendigen gesonderten Feststellungen zum 31. Dezember 2011 durch.“

Dieser Hinweis ist völlig unzureichend. Es gibt im Körperschaftsteuergesetz insgesamt sechs gesonderte Feststellungen. Es sollte nach Vorstellung der IHK nur eine, nämlich die Entwicklung des Einlagekontos, durchgeführt werden.

Zu diesem Problem, für das fünf Punkte zu vergeben waren, haben viele Prüfungsteilnehmer keine Aussage machen können und deshalb null Punkte erhalten. Im ablehnenden Widerspruchsbescheid wurde argumentiert, aus dem Sachverhalt sei ersichtlich gewesen, es hätte sich nur um die Entwicklung des Einlagekontos handeln können.

Irritierend war die Aufforderung, alle notwendigen gesonderten Feststellungen durchzuführen. Es war aber nur nach einer gefragt. Wer unklare Fragen stellt, darf keine klaren Antworten erwarten.

Grund 4: Fehlerhafte Lösungshinweise

In manchen Fällen führen auch fehlerhafte Lösungshinweise dazu, dass Prüfungsleistungen nicht richtig gewürdigt werden. Im Fach „Steuerrecht und betriebliche Steuerlehre“ im Frühjahr 2012 enthielt die Aufgabe 1 folgenden Sachverhalt 2:

Beispiel zu fehlerhaften Lösungshinweisen

Ein Bautrupp, bestehend aus dem Vorarbeiter und sieben Arbeitnehmern, wird auf einer Baustelle in Berlin eingesetzt. Die Arbeitnehmer fahren mit dem Firmenbus am Sonntag nach Berlin und am Freitag wieder zurück nach Bonn. Die einfache Strecke beträgt 650 km.

Auf der Baustelle übernachten die Bauarbeiter kostenlos in einer Gemeinschaftsunterkunft der Baumann GmbH. Im Mai 2011 nutzten die Arbeitnehmer die Unterkünfte an 20 Tagen. (2 Punkte)

Die Lösung lautete: Wohncontainer.

Gewährt der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer freie Unterkunft, so ist dieser geldwerte Vorteil als Sachbezug steuer- und beitragspflichtig. Es ist die SvEV anzuwenden, § 8 Abs. 2 Satz 1 und Satz 6 EStG. Für die Unterkunft ist ein Betrag von mtl. 206 € zu berücksichtigen, § 2 Abs. 3 SvEV.

Bei einer Gemeinschaftsunterkunft ist ein Abschlag in Höhe von 15 % und bei der Belegung mit mehr als drei Beschäftigten ein weiterer Abschlag von 60 % vorzunehmen. Der Sachbezugswert von 34,40 € berechnet sich wie folgt:

206 EUR / 30 Tage = 6,87 EUR

Abzügl. 15 % von 6,87 EUR = 103 EUR

Abzügl. 60 % von 6,87 EUR = 4,12 EUR

Verbleiben: 1,72 EUR* 20 Tage = 34,40 EUR

Diese Lösung ist falsch!

Die gewährte Unterkunft unterliegt nicht der Lohnsteuer. Die Folge war offenbar, dass Prüfungskandidaten mit falscher Lösung – wie im Lösungshinweis der IHK – mit Punkten bedacht worden sind, während Prüfungskandidaten mit richtiger Lösung leer ausgegangen sind.

Falsche Lösung wurde veröffentlich und mit Punkten bedacht: Vertreter des DIHK, die für die Erstellung der Aufgaben und Lösungen zuständig sind, wurden über den Fehler informiert. Trotzdem ist die fehlerhafte Lösung veröffentlicht worden.

So etwas kann ja auch fatale Auswirkungen auf die Tätigkeit von Bilanzbuchhaltern in der Praxis haben, wenn sie nämlich der Richtigkeit der Lösungshinweise vertrauen und in der Praxis entsprechend handeln.

Der Beurteilungsspielraum

Die Korrektoren von Prüfungsaufgaben haben einen Beurteilungsspielraum, den sie auch haben müssen. Wenn also beispielsweise ein Korrektor in einer Teilaufgabe mit 10 Punkten feststellt, dass der Prüfungskandidat den überwiegenden Teil der Lösungselemente richtig gelöst hat, gibt ihm sein Beurteilungsspielraum die Möglichkeit, 6 bis 8 Punkte von 10 zu geben. Die Grenze des Beurteilungsspielraum ist aber überschritten, wenn er für eine solche überwiegend richtige Lösung nur 3 Punkte (= an der Grenze von ungenügend und mangelhaft) vergibt. Auf die ganze Aufgabe bezogen, die 100 Punkte hat, hat also ein Korrektor für eine Aufgabe, die sich an der Grenze zwischen ausreichend und mangelhaft bewegt, in der Regel den Ermessensspielraum, Punkte von etwa 45 bis 55 zu geben.

Es liegen Aufgaben vor, die mit ungefähr 45 Punkten, also mit mangelhaft, bewertet worden sind. Diese Aufgaben hätten es aber verdient, viel besser, also mit 60, 65 oder sogar 70 Punkten, bedacht zu werden. In diesen Fällen war der Beurteilungsspielraum bei weitem überschritten, denn einen Beurteilungsspielraum zu haben, heißt nicht, dass für eine bestimmte Leistung jede beliebige Note erteilt werden darf.

Die nicht leistungsgerechte Beurteilung als Ergebnis

Die hier geschilderten – und andere – Gründe führen dazu, dass bei einer Reihe von Industrie- und Handelskammern die Bestehensquote weit unter dem Durchschnitt liegt. Natürlich lassen schlechte Ergebnisse allein den Schluss mangelhafter Korrektur nicht zu, aber sie sind ein starkes Indiz dafür, dass die Grenzen des Ermessens bei der Notengebung überschritten sein können.

An einer eventuell sehr strengen Beurteilung kann es nicht liegen, wenn die Bestehensquote – wie z. B. bei der Handelskammer Hamburg – in der Nähe von 25 % liegt. Es müssen Fehlbeurteilungen, die hier beispielhaft dargelegt worden sind, hinzukommen.

3. Kapitel: Gibt es die Möglichkeit Prüfungsergebnisse anzufechten?

Im 3. Teil des Beitrags wird aufgezeigt, was man machen kann, um gegen möglicherweise falsche Prüfungsergebnisse und Korrekturen vorzugehen. Beispiel: Widerspruch einlegen oder beim Verwaltungsgericht klagen.

Widerspruch einlegen

Die Prüfungsteilnehmer haben die Möglichkeit, Widerspruch gegen Ergebnisse der Prüfung einzulegen. Wenn Prüfungskandidaten den Eindruck oder sogar die Gewissheit haben, dass ihre Arbeiten eine bessere Note verdient hätten, legen sie oft trotzdem keinen Widerspruch ein, weil sie Sorge haben, sie würden beim erneuten Prüfungsversuch benachteiligt. Setzen sie sich darüber hinweg, werden diese Widersprüche – soweit ersichtlich – ausnahmslos zurückgewiesen. Es widerspricht schon allein der Lebenserfahrung, dass die IHK immer, der widersprechende Prüfungskandidat aber niemals Recht hat.

Die Mitglieder der Prüfungsausschüsse sollten die Größe haben einzusehen, dass sie sich bei der Korrektur von Prüfungsaufgaben irren können. Hinzuweisen ist auf unterschiedliche Verfahrensweisen bei den einzelnen IHK betreffend Einsichtnahme und Widerspruch. So wird nicht selten ein Widerspruch zu einem der beiden Prüfungsfächer aus Prüfungsteil A erst nach Ablegung von Prüfungsteil B zugelassen, womit das Widerspruchsverfahren an sich ad absurdum geführt wird.

Es wird schon seit Jahren gefordert, „Ausführungsbestimmungen zur Bilanzbuchhalterprüfungsordnung vom 18.10.2007“ zu erlassen, die für alle IHK bindend sind.

Ziel ist es, bundesweit zu einer einheitlichen Durchführung der Prüfung zu kommen mit verlässlichen Regelungen, die im Übrigen auch eine einheitliche Beratung ermöglicht. Die Erhebung einer Gebühr für die Bearbeitung eines Widerspruchs sollte grundsätzlich entfallen; das sollte mit der Prüfungsgebühr (kalkulatorisch) abgedeckt sein. 

Klage beim Verwaltungsgericht

Bei einem abgelehnten Widerspruch haben die Prüfungskandidaten die Möglichkeit, beim zuständigen Verwaltungsgericht zu klagen. Hier besteht schon eine hohe Hürde darin, dass die Kläger zunächst einmal – ungeachtet des wahrscheinlichen Ausgangs des Verfahrens – bezüglich der Gerichtskosten in finanzielle Vorlage treten müssen.

Wenn sie beabsichtigen, einen Anwalt mit der Vertretung zu beauftragen, übersteigt das in der Regel die finanziellen Möglichkeiten eines angehenden Bilanzbuchhalters.

In den seltenen Fällen einer Klage tendiert die Erfolgsquote ebenfalls gegen Null. In diesen Auseinandersetzungen neigen die Verwaltungsgerichte dazu, die Meinung zu vertreten, sie könnten ein Urteil aus eigener Sachkenntnis nicht fällen und man müsse deshalb die Beurteilung der Prüfer

als richtig ansehen. Tatsächlich sind auch die Richter an den Verwaltungsgerichten keine „Oberkorrektoren“. Dennoch sollten die Gerichte den Klagen stattgeben, wenn „offensichtliche Einschätzungs oder Bewertungsfehler vorliegen oder das Gleichheitsgebot verletzt worden ist. 

4. Kapitel: Maßnahmen zur Behebung der unterschiedlichen Bestehensquoten

In 4. Teil des Beitrags wird dargestellt, welche Reformen oder Änderungen fokussiert werden müssten (in Anlehnung an das Verfahren beim Zentralabitur in Baden-Württemberg).

Zum Zentralabitur in Baden-Württemberg wird in Wikipedia ausgeführt:

„Die Korrektur erfolgt in Baden- Württemberg in drei Durchgängen. Die Erstkorrektur findet durch die Fachlehrkraft anhand des vorgegebenen Lösungshinweises statt, wobei auch, wieder nach Fächern verschieden, die Punkteverteilung vorgegeben ist. Die Arbeiten werden von der Schulleitung kodiert und damit anonymisiert. Die Oberschulämter verteilen dann die Arbeiten anonym zur Zweitkorrektur an jeweils andere Schulen. Erst- und Zweitkorrektor vermerken ihre Punkte nicht in den Arbeiten, sondern auf einem gesonderten Formular, wobei der Zweitkorrektor die Punkteverteilung und Gesamtpunktzahl des Erstkorrektors nicht erfährt. Die Klausuren gehen an die Oberschulämter zurück und von dort an anonyme Drittkorrektoren, in der Regel Fachberater beziehungsweise Fachabteilungsleiter (A 15). Diese erhalten auch die Ergebnisse der Erst- und Zweitkorrektur. Sie legen schließlich die Noten endgültig fest, wobei sie sich im Regelfall nur zwischen den Noten der Erst- und Zweitkorrektur bewegen dürfen. Zwischen den Korrektoren der drei Durchgänge gibt es keinerlei Kommunikation.

Der Erstkorrektor erfährt vor der mündlichen Abiturprüfung das Endergebnis, jedoch keinerlei Hinweise, worauf eventuelle Abweichungen von seiner Note beruhen.“

Die Industrie- und Handelskammern sollten sich bei der Bilanzbuchhalterprüfung dazu entschließen, ein solches oder ähnliches Verfahren bei der Korrektur der Prüfungsarbeiten anzuwenden. Damit würde sichergestellt, dass die Prüfungsarbeiten leistungsgerecht beurteilt werden.

Es sollte sachlich, fachlich und prüfungsmethodisch geschultes Personal bei den Korrekturen eingesetzt werden; die Besetzung mit überwiegend ehrenamtlichen Kräften ist zu überdenken. 

Abschaffung der detaillierten Punktevorgabe in den Lösungshinweisen der IHK

In den Lösungshinweisen der IHK zu den Prüfungsaufgaben werden sehr detaillierte Punktvorgaben zu jedem Lösungselement gemacht. Die Korrektoren suchen dann nach diesen Lösungselementen und ordnen demgemäß Punkte zu oder auch nicht.

Der Nachteil dieser detaillierten Punktvorgabe ist, dass es oft gar nicht möglich ist, eine Lösung in Lösungselemente mathematisch aufzuteilen.

Beispiel für das Problem der detaillierten Punktevergabe der IHK

Ein Beispiel von sehr vielen ist der Sachverhalt 1 aus der Aufgabe 1 im Fach „Steuerrecht und betriebliche Steuerlehre“ aus dem Frühjahr 2012.

Der Sachverhalt lautete: Die Baumann GmbH stellt allen auf den Baustellen eingesetzten Arbeitnehmern Sicherheitsschuhe und Schutzhelme. Im Einkauf kostet das Paar Schuhe 75 € netto und ein Sicherheitshelm 25 € netto. Im Mai 2011 wurden 450 Sicherheitspakete (Schuhe und Helme) zusätzlich zum ohnehin geschuldeten Arbeitslohn kostenlos an die Mitarbeiter ausgegeben.

Bearbeitungshinweis: Beurteilen Sie den Sachverhalt im Hinblick auf die lohnsteuerlichen Auswirkungen.

Lösung: Die unentgeltliche Überlassung von Berufskleidung stellt Arbeitslohn im Sinne des § 8 Abs. 2 Satz 1 EStG i.V.m. § 2 Abs. 1 LStDV dar. (1 Punkt)

Die unentgeltliche Überlassung typischer Berufskleidung ist steuerfrei, § 3 Nr.31 EStG.  (1 Punkt)

Für diesen Fall sind die Steuerbarkeit und die Steuerfreiheit mit jeweils 1 Punkt vorgesehen, d.h. es erfolgt eine Aufteilung im Verhältnis 50:50.

Das ist nicht angemessen, denn die weitaus wichtigere Feststellung ist als Ergebnis die Steuerfreiheit.

Wenn nämlich die Steuerfreiheit festgestellt wird, so ergibt sich daraus, dass der Vorgang auch steuerbar war, ohne dass das besonders erwähnt werden müsste. Man mag darüber streiten, ob die Feststellung der Steuerfreiheit 90 % oder etwas weniger oder mehr von der Lösung ausmacht.

Jedenfalls ist das Verhältnis 1:1 unangemessen. Es ist bekannt, dass Prüfungskandidaten, die die Steuerbarkeit nicht erörtert haben, ein Punkt, also die Hälfte, abgezogen wurde. Das wird der Prüfungsleistung nicht gerecht und führt in der Summe dazu, dass die Arbeiten mit einer zu schlechten Note versehen werden.

Auch wenn Lösungsweg abweicht kann dieser richtig sein!

Sehr oft bringen Prüfungskandidaten eine Lösung, die vom Lösungshinweis abweicht, aber doch vertretbar oder sogar richtig ist. Dann wird das wegen der detaillierten Punktevorgabe nicht oder nicht ausreichend gewürdigt. Mit dem Lösungshinweis nicht übereinstimmende, aber folgerichtige Lösungen werden wegen der detaillierten Punktevorgabe oft nicht richtig gewürdigt.

Allzu oft wird festgestellt, dass die Punktevergabe schablonenhaft, genau nach der im Lösungshinweis vorgegebenen Punktzahl, erfolgt. Es wird überprüft, ob die Formulierungen und Berechnungen exakt mit dem Lösungsvorschlag übereinstimmen.

Ist das nicht der Fall, so werden das führt dazu, dass die Leistungen der Prüfungskandidaten in der Tendenz schlechter beurteilt werden, als sie es in Wirklichkeit sind.

Die detaillierte Punktevorgabe ist ein Korsett, das auf die unterschiedlichen individuellen Lösungen der Prüfungsteilnehmer nicht passt, und deshalb für die Beurteilung des Leistungsvermögens ungeeignet ist. Aus diesen Gründen sollte in Zukunft die detaillierte Punktevorgabe entfallen. Jede Aufgabe bzw. jeder Aufgabenkomplex (unterschiedliche Sachverhalte in Aufgaben) sollte mit einer Gesamtpunktzahl versehen werden.

Die Korrektoren haben dann zu beurteilen, ob die Lösung der Prüfungskandidaten zu einem Gesamtkomplex die Note sehr gut, gut, befriedigend, ausreichend, mangelhaft oder ungenügend verdient hat. Danach wären die Punkte prozentual entsprechend dem Punkteschema in der Skala bis 100 zu vergeben.

Multiple Choice-Aufgaben

Im Hinblick auf die Probleme einer leistungsgerechten Beurteilung von Prüfungsarbeiten sollte ein nicht geringer Teil der Prüfungsarbeiten im Multiple Choice-Verfahren gestellt werden. Dieser Vorschlag wurde bereits publiziert. Dem für die Aufgabenstellung zuständigen DIHK ist dringend zu empfehlen, dieses Verfahren in die Prüfungsaufgaben für Bilanzbuchhalter einzubringen.

100% bestandene Prüfung – auch nicht normal

Bei einigen IHK betragen die Bestehensquoten 100 % oder nahezu 100 %. Auch das ist zu kritisieren, weil nicht anzunehmen ist, dass die Prüfungsteilnehmer an diesen Orten einen höheren Wissensstand als woanders haben. Den Prüfungsausschüssen dieser Kammern ist zu empfehlen, strengere Maßstäbe bei der Korrektur der Prüfungsarbeiten anzulegen, denn die Unternehmer, die beabsichtigen, Bilanzbuchhalter mit bestandener Prüfung einzustellen, müssen sich darauf verlassen können, dass diese nach bestandener Prüfung entsprechende Kenntnisse aufweisen. Bei einer Bestehensquote um die 100 % ist das nicht gewährleistet.

 

 

Kommentare

  • Ende Edless sagt:

    Die Hintergründe sind viel einfacher

    Im Kreise eines bezahlten Klausuruebungskurses eines bekannten Instituts, werden wie auch in den aktuell laufenden Pruefungen, die Pruefungsaufgaben bekannt gegeben. Die Teilnehmer dieser Kurse stellen sich auch noch prahlend und strahlend an den Pruefungstagen als Helden in den Zelten dar.
    Es wurde ermittelt. Verantwortliche müssen mit konsequenzen rechnen.

  • Mal nachgedacht sagt:

    Meine persönlichen Erfahrungen sind die, dass die IHK´s teilweise sehr schwache Dozenten einsetzen und es hier bei den einzelnen IHK´s sehr große Unterschiede gibt. Ich bin selbst Bilanzbuchhalter und zwischenzeitlich auch Steuerberater. In unserer Gesellschaft haben 2 Mitarbeiter aus Niederlassungen in verschiedenen Bundesländern die Vorbereitung gemacht und 1 x hatten wir ein hervorrangendes Ergebnis und 1 x war es im Steuerteil ein Fiasko -> dies liegt aber nicht an der Korrektur sondern am Lehrgangsort.

    Unsere Mitarbeiter machen Ihre Fortbildungen jetzt alle bei der IHK in Bayern (Würzburg) und dann wird Mühe auch mit Erfolgt belohnt.

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