Kinderbetreuung in Steuerkanzleien

Veröffentlicht am von Haufe eCampus Redaktion

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Kinderbetreuung

Arbeitgeber profitieren davon, wenn Steuerkanzleien ihre Mitarbeiter bei der Betreuung ihrer Kinder tatkräftig unterstützen. Kanzleieigene Kindergärten, Kita-Kooperationen und Notbetreuungsangebote für Kinder von Mitarbeitern können sich langfristig als Investitionen mit hoher Rendite erweisen.

„In der Steuerbranche ist das Thema Familienfreundlichkeit schon lange eine große Herausforderung für Kanzleien“, sagt Irene Winter, Steuerconsultant Nr. 42/2012, S. 42. Dies ist auch kein Wunder, denn schließlich arbeiten in den meisten Steuerbüros zu 80 Prozent Frauen, die früher oder später Nachwuchs bekommen.

Hier stellt sich zwangsläufig die Frage nach einer flexiblen Kinderbetreuung, die sich mit den Belangen der Kanzlei vereinbaren lässt. Sich darum zu kümmern, ist in der heutigen Zeit nicht nur die individuelle Angelegenheit des einzelnen Mitarbeiters, sondern v. a. auch Chefsache.

Vitales Interesse an langfristiger Bindung der Mitarbeiter

„Uneigennützig ist dieses Engagement nicht, schließlich haben Steuerkanzleien ein vitales Interesse an einer langfristigen Bindung von loyalen und zufriedenen Mitarbeitern – ob unter angestellten Berufsträgern oder aber Fachangestellten. Es kann sich also für den Kanzleichef wirklich lohnen, sich Gedanken über Krippe, Kita & Co. zu machen“, schreibt Irene Winter. Experten sprechen dabei sowohl von einem Gewinn für Arbeitgeber wie für Arbeitnehmer.

Die Zahlen geben ihnen recht, wie etwa ein von Frau Winter veröffentlichtes Beispiel aus dem Bankensektor zeigt: In Zusammenarbeit mit einem externen Familienservice-Dienstleister hat die Commerzbank am Hauptsitz in Frankfurt am Main eine Kita für 90 Kinder aufgebaut. Zwölf Stunden hat die Einrichtung täglich geöffnet und garantiert eine Notfallbetreuung.

2007 kostete dies die Commerzbank 571.000 Euro, führte aber im gleichen Jahr zu Kosteneinsparungen in Höhe von 702.000 Euro. „Durch den Betrieb der Einrichtung spart das Unternehmen jährlich rund 131.000 Euro, was einem Return on Investment von 23 Prozent entspricht“, ergab die „Evaluationsstudie Modellprojekt Kids & Co. – Kindertagesstätte“, die das Bankhaus in Auftrag gegeben hatte und 2009 veröffentlichte.

Grund für das positive Ergebnis war die wesentlich schnellere Rückkehr der Beschäftigten nach der Elternzeit in das Unternehmen. Während die Eltern 2004 noch 30,6 Monate in der Elternzeit verbrachten, sank die Anzahl im Jahr 2007 auf 19,3 Monate. Dadurch, so das Ergebnis der Studie, fällt der Fortbildungsaufwand geringer aus. Außerdem haben sich die familienbedingten Fehlzeiten durchschnittlich um 4,5 Tage pro Jahr verringert.

Unterstützung der Arbeitnehmer zahlt sich aus

Ein weiteres Beispiel von Frau Winter: Auch für die Nürnberger Rechtsanwalts-, Steuerberatungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Rödl & Partner ergibt sich unterm Strich ein Plus, wenn die Kosten für die Kinderkrippe am Hauptsitz dem Nutzen gegenübergestellt werden. Rödl hatte für rund 100.000 Euro eine Kinderbetreuung für ihre Mitarbeiter in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Roten Kreuz eingerichtet.

Als Arbeitgeber, so Personalleiter Dr. Michael Rödl, profitiere man vor allem von der frühen Rückkehr der Mitarbeiter aus der Elternzeit beziehungsweise der Unterstützung der Teilzeitarbeit während der Elternzeit: „Kostenintensive Überbrückungslösungen, Anwerbungs-, Einarbeitungs- und Fortbildungskosten lassen sich so reduzieren. Und wir können unsere Mitarbeiter enger an uns binden sowie die persönliche Mandantenbetreuung durch diese aufrechterhalten.“ Die so erzielten Ersparnisse könne man zwar nicht auf den Cent genau berechnen, doch schätzt der Experte den Gesamtnutzen höher ein als die Kosten für die Krippe.

Sogar im Kampf um die besten Köpfe ist die Krippe von Rödl & Partner ein Zugpferd: „In Bewerbungsgesprächen ist die Kinderbetreuung durchaus ein Thema und manchmal ein sehr wichtiges Entscheidungskriterium für Bewerber, bei uns einzusteigen oder zu uns zu wechseln“, berichtet Rödl. Vor dem Hintergrund des drohenden Fachkräftemangels würden potenzielle Mitarbeiter schließlich dahin gehen, wo ihrer Meinung nach die Konditionen am besten sind. „Und hier können gute Rahmenbedingungen in der Kinderbetreuung durchaus entscheidungsrelevant sein“, sagt der Personaler.

Das gilt zunehmend auch für Männer, stellt die niedersächsische Steuerberater- und Wirtschaftsprüferkanzlei Knollenborg & Partner mit Büros in Lingen, Emsbüren, Nordhorn und Oldenburg fest. So verfügt der Lingener Standort seit über einem Jahr über eine eigene Mini-Krippe. Natürlich seien die Kleinen in der Kanzlei auch mal laut und durchaus für die Mandanten hörbar, berichtet StB Elisabeth Knollenborg. Beschwert habe sich bisher jedoch noch keiner.

Im Gegenteil: Einige Mandanten ließen sich gern durch die Kanzlei-Krippe führen und reagierten begeistert. Für die Mütter und Väter sei es ein gutes Gefühl, ihre Kinder in nächster Nähe zu wissen und sie jederzeit besuchen zu können: Ein starker Anreiz, die Elternzeit zu verkürzen und der Kanzlei langfristig loyal zu bleiben, erklärt Knollenborg.

Von der kinderfreundlichen Atmosphäre in der Kanzlei profitieren auch Väter, erklärt Steuerfachangestellter Sebastian Schulte, der zum zweiten Mal Elternzeit beantragt hat. Dies sei für Männer in der Kanzlei selbstverständlich und habe keine negativen Auswirkungen auf die Karriere. Im Gegenzug sei er bei der Planung seiner Auszeit bereit gewesen, auf die Belange der Kanzlei Rücksicht zu nehmen, Überstunden zu machen und viel vor- und nachzuarbeiten.

Ähnlich sieht es sein Kollege, der Steuerfachangestellte und Bilanzbuchhalter Martin Berning, der bald Nachwuchs erwartet und ebenfalls in Elternzeit gehen wird: Er sei froh darüber, einen Arbeitgeber gefunden zu haben, der Mitarbeitern eine Minikrippe biete.

Positive Erfahrungen mit der betrieblichen Kinderbetreuung macht auch StB Franz Brunner aus dem bayerischen Pfaffenhofen, der im Dachgeschoss des Bürotrakts eine Kindertagesstätte eingerichtet hat. Hier können bis zu zehn Kinder betreut werden, die Kosten trägt die Kanzlei. Falls die Mitarbeiter ihren Nachwuchs in einem anderen Kindergarten unterbringen, übernimmt die Kanzlei ebenfalls die Gebühren. Der Kanzlei liege sehr daran, die Fluktuation gering zu halten, erklärt Kanzleiinhaber Brunner: Bei den vielen Gesetzesänderungen sei es schließlich zu mühsam, neue Leute einzuarbeiten, und die Mandanten seien stark auf bestimmte Mitarbeiter fixiert.

Mitarbeiter lassen sich vielseitig unterstützen

Allerdings muss es nicht immer die „traditionelle“ Betriebs-Kita oder -Krippe sein, vor der viele Kanzleichefs meist wegen des – vermeintlich – hohen Aufwands zurückschrecken.

Es gibt für Steuerkanzleien auch andere Möglichkeiten, Mitarbeiter bei der Kinderbetreuung zu unterstützen: Ob Belegplätze in Tageseinrichtungen, die die Kanzleien für ihre Mitarbeiter reservieren können, oder aber die Kooperation mit kommunalen, kirchlichen oder freien Trägern. Kanzleimitarbeiter können auch Vermittlungsdienste von externen Anbietern in Anspruch nehmen, die die Kanzleien bezahlen. Ebenso lässt sich mit (Mandanten-) Unternehmen in Kanzleinähe in Sachen Kinderbetreuung kooperieren, das spart Kosten.

Auch kleine und mittelständische Kanzleien können eine günstige Kinderbetreuungslösung finden, die am besten zu der Mitarbeiterstruktur, den entsprechenden Bedürfnissen sowie zu ihren regionalen und infrastrukturellen Voraussetzungen passt. In einigen Fällen reicht es auch schon aus, dass Steuerkanzleien für ihre Mitarbeiter eine Notbetreuung der Kinder sicherstellen, falls junge Eltern kurzfristig auf Dienstreise gehen müssen oder wenn ihr Nachwuchs unerwartet krank wird. „In einer Mitarbeiterbefragung haben wir festgestellt, dass für uns die Investition in Notbetreuung am meisten Sinn macht“, erzählt WP/StB Gertrud R. Bergmann, Partner der Berliner Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft RBS Roever Broenner Susat GmbH & Co. KG. Eine eigene Krippe oder Kindergarten war von den Mitarbeitern nicht gewünscht, da sich in Berlin genügend Tagesmütter und öffentliche Einrichtungen finden. Außerdem sei es punktuell möglich, das Kind mit zur Arbeit zu bringen – dafür halte die Kanzlei extra ein Kinder-Notfallkoffer bereit, in dem Mal- und Spielutensilien gesammelt werden, um die Kinder während ihrer Zeit in der Kanzlei zu beschäftigen.

Für eine Notbetreuung der Mitarbeiterkinder zu sorgen, entschied sich – nach einer Bedarfsanalyse – auch die Steuerkanzlei Döcker Wigger Lührmann im nordrheinwestfälischen Rheine, die 38 Mitarbeiter beschäftigt. „Besonders in den Randzeiten wie Freitagnachmittag und in den Ferien ist es vielen Kolleginnen bisher schwergefallen, ihre Kinder unterzubringen“, erzählt Verwaltungsmitarbeiterin Birgit Saborowski. In den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr zum Beispiel hätten die meisten Kindergärten geschlossen, im Steuerbüro türme sich hingegen die Arbeit, ähnlich sei es auch in den Osterferien.

Seit Ende 2011 kooperiert die Kanzlei deshalb mit dem benachbarten Mehrgenerationenhaus, dessen professionelles Betreuerteam sich um die zwei- bis zehnjährigen Kinder von Berufstätigen außerhalb der festen Betreuungsgruppen kümmert. „Viele unserer Mitarbeiter nutzen den Service jetzt regelmäßig und sind sehr zufrieden“, sagt Saborowski: „Die Freundschaften der Kinder schweißen auch die Kollegen zusammen, und die Mütter müssen kein schlechtes Gewissen haben, wenn sie länger arbeiten. Da das MGH nur 200 Meter von uns entfernt ist, können sie schnell nach ihren Kindern sehen.“

Überschaubar sind die Kosten für die Kanzlei: „Wir bezahlen pro Kind zwei Euro pro Stunde, denn es handelt sich um ein gefördertes Projekt. Aber wir helfen der Einrichtung regelmäßig auch gern mit Sachspenden“, erzählt die Kanzleimitarbeiterin. Inzwischen bietet die Kanzlei diesen Service auch ihren Mandanten kostenlos an und wirbt damit auf ihrer Homepage. Auch andere kleine Maßnahmen wie eine Spielecke, Verständnis des Arbeitgers, Kooperationen mit professionellen Kinderbetreuungsagenturen oder sogenannte Eltern-Kind-Büros zur Entlastung der Eltern können in Kanzleien eine große Wirkung haben.

Die Bochumer Anwaltskanzlei „Advoprax“ hat die komplette Kanzlei zum Eltern-Kind-Raum erklärt – mit einem sehr positiven Ergebnis. Kanzleigründerin RA Petra Steude, die selbst zwei Kinder neben ihrem Vollzeitjob erzieht, hat nichts dagegen, wenn auch ihre Mitarbeiter regelmäßig den Nachwuchs mit zur Arbeit bringen. „Wir machen dabei keine Alterseinschränkung – vom Baby bis zum Teenager ist jedes Kind in der Kanzlei willkommen“, sagt die Rechtsanwältin. Es gibt einen extra für Kinder eingerichteten Raum, eine Spielecke und einen kanzleieigenen Spielplatz mit Trampolin, Rutsche und Schaukel, den man von jedem Bürofenster aus beobachten kann.

Kinder müssen Spielregeln in der Kanzlei akzeptieren

Aber die Kinder dürfen auch in allen Büros während der Arbeitszeit spielen, malen und Hausaufgaben machen. Das Wichtigste dabei sei, dass sie die Spielregeln der Kanzlei akzeptieren:

Die Türen der Büros sind permanent offen – und die Kinder dürfen überall hingehen. Steht jedoch ein vertrauliches Gespräch mit dem Mandanten an oder ein wichtiges Telefonat, werden die Türen geschlossen.

Das bedeutet für die Kinder, dass sie nicht stören dürfen und sich an einen der Kollegen wenden müssen. Natürlich werde auch mal gezankt und laut gerufen, wenn Mandanten da sind – die Arbeitsatmosphäre sei trotzdem entspannt.

Besonders positiv für die Mitarbeiter sei es, dass sie Vollzeit arbeiten können ohne sich um ein Rabenmutter-Image Gedanken machen zu müssen. „Wir sind ja ständig für unsere Kinder präsent“, sagt Steude. Auch von den Mandanten wird die Kita-Kanzlei voll akzeptiert: „Wir bekommen ein sehr positives Feedback. Kinder erzeugen Nähe und nehmen dem offiziellen Anlass die Steifheit, lockern die Atmosphäre auf“, erzählt Steude.

Doch Familienfreundlichkeit sollte sich nicht allein auf das Thema Kinderbetreuung beschränken. Stefan Becker, Geschäftsführer der Berufundfamilie gGmbH in Frankfurt/Main gibt zu bedenken: „Arbeitgeber missverstehen Familienförderung vielfach als ‚Outsourcing‘ von Familienaufgaben. So wird zu sehr auf betriebliche Maßnahmen gesetzt, mit denen sich Familien wegorganisieren lassen und die Beschäftigten weiterhin zu 100 Prozent im Betrieb Präsenz zeigen können.

Eine wirkliche Vereinbarkeit ist dies nicht. Denn so erhält man keine frei verfügbare Zeit mit der Familie.“ Maßnahmen, die den Beschäftigten bei der Familienarbeit unterstützen, wie betriebsinterne Kindergärten oder Einkaufsservices, seien wichtige Angebote, nicht jedoch das Allheilmittel.

Lösungen, die den Familien mehr Zeit verschaffen

Beispiele aus den Kanzleien zeigen, dass es eine Reihe von Lösungen gibt, die mehr Zeit für Familie schaffen und den Beschäftigten weiterhin Karriereperspektiven eröffnen:

  • Langzeitkonten zur Flexibilisierung der Arbeitszeit
  • mobile Telearbeit
  • Freistellung aus familiären Anlässen
  • stufenweiser Aufbau der Arbeitszeit während und nach der Elternzeit,
  • Planung und Durchführung von Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen unter Berücksichtigung familiärer Belange und
  • gezielte Wiedereinstiegsprogramme.

Die Berufundfamilie gGmbH weist zudem darauf hin, dass sich deutsche Arbeitgeber schneller auf das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Pflege einstellen müssen. Betroffen davon seien vor allem Frauen, die nach der Kindererziehung oft gar nicht in den Beruf zurückkehren, sondern direkt in die Pflege der Angehörigen übergehen. Geschäftsführer Becker hierzu: „Wir sehen bei dem Thema Beruf und Pflege deutliche Parallelen zur Kinderbetreuung. Damals waren die Arbeitgeber mit konkreten betrieblichen Maßnahmen auch sehr zurückhaltend, die Wirtschaft lief dem Thema regelrecht hinterher. Heute sind die Maßnahmen auch wegen ihrer betriebswirtschaftlichen Vorteile durchweg anerkannt – dahin müssen wir auch mit der Pflege kommen.“

Irene Winter, Steuerconsultant Nr. 42/2012, S. 40 – 43.

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