Mobbing – wer macht so etwas eigentlich?

Veröffentlicht am von Haufe eCampus Redaktion

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Mobbing; Foto: NuStock, photos.com

Ob in der Ausbildung, beim Praktikum oder als Neueinsteiger im Job: Mobbing kann man überall begegnen. Doch wer mobbt eigentlich und was sind die Persönlichkeitseigenschaften eines Mobbers? Gibt es so etwas wie eine typische Persönlichkeitskonstante? Und warum handelt er so?

Mobbing zur eigenen Aufwertung (Narzissmus)

Eine Theorie lautet, dass Mobber ein labiles Selbstwertgefühl haben und leicht kränkbar sind. Man nennt diese Charaktereigenschaft Narzissmus. Einerseits müssen diese Menschen ihr instabiles Selbstwertgefühl dadurch stabilisieren, dass sie andere Menschen erniedrigen, andererseits teilen sie gerne aus, ohne die entsprechende Empathie und das notwendige Feingefühl aufzubringen.

Mobbing zur eigenen Entlastung

Ein Phänomen, das Soziologen schon lange beschäftigt, ist das des Sündenbocks: Bei Spannungen in einer Gruppe dient ein Gruppenmitglied als Projektionsfläche für eigene Schwächen und Fehler. Es wird jemand gesucht, der als Schuldiger gelten kann und bestraft wird. Dies lenkt von der eigenen Unfähigkeit ab und richtet die Aufmerksamkeit auf jemand anderen, der für die begangenen Fehler angeblich verantwortlich ist. Ähnlich gelagert ist eine andere Verhaltensweise, die darin besteht, sich jemanden als Blitzableiter zu suchen, um z. B. Wut und Frustration abzulassen. Naturgemäß ist das Ziel solcher Ausbrüche ein schwächeres Mitglied innerhalb der Hierarchie.

Mobbing, um Macht auszuüben

Warum haben manche Menschen ein Machtproblem? Neben dem bereits erwähnten Streben des Narzissten nach Selbstaufwertung ist auch die Bestrafung ein mögliches Mobbingmotiv – wenn man z. B sein Gesicht verloren hat und diese Kränkung jemandem „heimzahlen“ will oder wenn ein Kollege Arbeit liegen gelassen hat und man sich dafür rächen möchte. Auch die Angst um die eigene Position spielt eine Rolle im täglichen Konkurrenzkampf. Wenn im Zuge einer Umstrukturierung die eigene Position gefährdet ist, wird man sie unter Umständen auch mit unfairen Mitteln zu behaupten suchen. All diese Motive haben direkt und indirekt mit dem Willen zur Macht zu tun. Macht ist nicht immer nur der simple Ausdruck eines Wunsches nach Herrschaft.

Mobbing, um unliebsame Kollegen loszuwerden

Ein Mitarbeiter soll zwar möglichst leistungsstark sein. Wenn er aber außergewöhnlich gute Leistungen zeigt und als Überflieger erscheint, können sich die Kollegen bedroht sehen: Sie empfinden Neid und Eifersucht. Auch kann zwischen zwei Menschen einfach die Chemie nicht stimmen. Obwohl die Professionalität gebietet, keine persönlichen Differenzen in das Arbeitsleben hineinzutragen, können sich die wenigsten von derartigen Antipathien gänzlich frei machen. Das Mobbingmotiv „Ihre Nase gefällt mir nicht“ ist eines der simpelsten und ältesten. Ein weiteres Motiv aus dieser Kategorie ist der „Auftragsmord“: Egal warum ein Kollege sich unbeliebt gemacht hat, er soll einfach weg. Wenn es von oben angeordnet wurde, dann führt der Mobber einfach unreflektiert einen Befehl aus. 

Vorgesetzte als Täter

In 38% der Fälle sind Vorgesetzte die Täter. Ein Kriterium der Mobbingdefinition besagt, dass der Gemobbte sich in einer unterlegenen Position befindet (sei es von Anfang an oder im Zeitverlauf). Dies bedeutet, dass der Gemobbte weniger Möglichkeiten als andere zur Verfügung hat, sich vor Angriffen zu schützen, und sich folglich schlechter wehren kann. Insofern muss es sich bei dem Mobber also nicht einmal um einen Vorgesetzten handeln, der in der Unternehmenshierarchie wesentlich höher steht. Es kann auch ein Kollege sein, der zwar formal auf derselben Hierarchieebene steht, aber aus anderen Gründen eine bevorzugte Position innehat und somit eine inoffizielle Führungsmacht für sich beansprucht. Folgende Ursachen für Mobbing aus der Führungsperspektive sind zu unterscheiden:

– Führungskräfte können unsicher sein und Angst vor Autoritätsverlust haben. Sie glauben vielleicht, dass sie Faulheit bei ihren Mitarbeitern mit Strenge unterbinden oder ihre Mitarbeiter ganz allgemein mit Druck disziplinieren müssten.

– Sie nutzen womöglich ihre hierarchische Position aus, um jemanden loszuwerden, dessen Nase ihnen nicht passt.

– Sie können mitunter einfach Spaß daran haben, Mitarbeiter zu drangsalieren.

– Führungskräfte geben bisweilen auch nur Befehle von weiter oben bzw. führen sie aus. Soll z. B. eine Abteilung geschlossen oder umstrukturiert werden, kommt die Anweisung, sich einiger Mitarbeiter zu entledigen, vielleicht unmittelbar von der Geschäftsführung.

Ist aber das Einfordern von Disziplin und das Ausüben von Druck nicht etwas, das zu den Aufgaben jeder Führungskraft gehört? Ist jede Art von Kritik schon als Mobbing zu betrachten und dürfen Vorgesetzte nun überhaupt nichts mehr? Wenn ein Unternehmen in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckt, müssen die Führungskräfte dann nicht automatisch die Zügel anziehen? Das alles gilt es abzuwägen. Auch die obige Definition von lang anhaltendem Mobbing ist in diesen Fällen nicht immer erfüllt. Wie immer muss der Betroffene seine Situation genau analysieren und versuchen zu erkennen, ob in den vermeintlichen Mobbinghandlungen tatsächlich Schikane und Systematik zu erkennen ist.

Mobbing von unten

Es kann aber auch umgekehrt laufen: Untergebene schließen sich zusammen und stellen sich gegen Vorgesetzte – ein Fall von innerbetrieblicher Meuterei. Was treibt sie an? Vielleicht ist man selbst erpicht auf einen Führungsposten und will den unliebsamen Konkurrenten ausschalten. Ein anderer Vorgesetzter wird wegen seiner scheinbar arroganten und ungerechten Wesensart angegriffen. Und schließlich soll ein Vorgesetzter gestürzt werden, der einer Belegschaft von oben vorgesetzt wurde, obwohl sie einen anderen Favoriten hatte. Ein Vorgesetzter kann auch ungeschickt und unsicher agieren. Er kommt vielleicht geradewegs von der Universität und hat wenig praktische Erfahrung.

Unter Kollegen

Wie sieht es unter gleichgestellten Mobbern auf derselben Dienstebene aus? Auch hier können wieder Spaß am Drangsalieren und am Missbrauch von Macht im Spiel sein. Jemand, der ohnehin schon schwach ist, sucht sich einen noch schwächeren Gegner, um sich selbst zu erheben. Das unbedeutende Licht fühlt sich dadurch aufgewertet, dass es sich auf ein sozial schwächeres Mitglied stürzt oder auf jemanden, der in irgendeiner Weise „anders“ ist (durch Behinderung, Rasse, Geschlecht, Religion, Gewohnheiten usw.), und diesen mobbt. Folgende Motive können eine Rolle spielen:

–  Mobbing kann ein Ventil sein für Frustration und Unzufriedenheit mit der eigenen Lebenssituation. Der Mobber lässt seinen Frust an jemand anderem aus.

– Es kann sich um nachtragende Rache für eine vermeintliche (oder echte) Niederlage handeln oder Ausdruck der Tatsache sein, dass man einfach jemanden nicht leiden kann.
–  Es soll jemand an eine Gruppennorm angepasst werden. Abweichler kann man nicht gebrauchen.
– Es kann sich auch einfach nur um Mitläufertum handeln, d. h. um den Wunsch, zu den „Starken“ dazuzugehören.
– Die Angst, der Kollege oder die Kollegin könnten einen vom jetzigen Arbeitsplatz verdrängen, kann Kollegen leiten. Durch das Mobbing soll der Konkurrent vertrieben werden.
– Weiterhin können Ärger und Neid auf einen Kollegen bestehen, der scheinbar bevorzugt wird, besser aussieht oder scheinbar bessere Leistungen erbringt.
– Ein Klassiker sind Angriffe auf angebliche Drückeberger und häufig Kranke, deren Arbeit man ständig mit erledigen muss. 
– Und zu guter Letzt gibt es noch Mobber, die so wenig Fingerspitzengefühl haben und so unsensibel sind, dass sie gar nicht merken, wenn sie ständig Leute kränken und beleidigen.

Faktoren beeinflussen sich gegenseitig

Es liegt immer ein Wechselspiel zwischen äußeren (den Rahmen betreffenden) und inneren (personenbedingten) Faktoren vor. Wenn der Rahmen ungünstig ist und Mobbing ermöglicht und außerdem entsprechende Persönlichkeitsfaktoren bei den Betroffenen hinzukommen, ist die Wahrscheinlichkeit für Mobbing deutlich erhöht. Jeder Fall ist natürlich anders gelagert und stellt eine Kombination der genannten Faktoren dar.

 

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