Schnelllesen – Im Eiltempo

Veröffentlicht am von Haufe eCampus Redaktion

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aufgeschlegenes Buch
 

 Eine spezielle Lesetechnik verspricht große Zeitersparnis, und das bei besserem Textverständnis – Schnelllesekurse liegen derzeit voll im Trend.

 

 

 

 

Cordula Schneider aus Dortmund ist Steuerberaterin sowie Kanzleiberaterin. Sie misst ihre Fachliteratur nicht in Titeln, sondern in Gewichtseinheiten: „Da kommt mindestens ein Kilogramm pro Woche zusam-men.“ Ähnlich wie ihr geht es vielen Steuerberatern, denn sie müssen für das Lesen der Fachliteratur viel Zeit einplanen. Wer viel zu lesen hat, sehnt sich danach, mehr Text in der zur Verfügung stehenden Zeit zu „verarbeiten“. Kurse vermitteln Schnelllesetechniken.

Schnelllesen, Speed Reading, Power oder Improved Reading wird in der Fachliteratur auch als gehirngerechtes Lesen bezeichnet. Ein erwachsener guter Leser schafft mit herkömmlichen Lesetechniken etwa 240 Wörter pro Minute – während seiner Arbeitszeit investiert er täglich zwischen zwei und vier Stunden für das reine Lesen, Selektieren und Bewerten von E-Mails, Fachliteratur oder Briefen. Auf der Jagd nach Informationen werden Leser regelmäßig zu Gejagten.

Eine Vielzahl von Anbietern auf dem deutschen Markt verspricht nun, das persönliche Lesetempo auf mindestens das Doppelte zu steigern. Entsprechende Seminare dauern bis zu drei Tage und kosten zwischen 300 und 500 Euro. Der Clou dabei: Auch das Textverständnis soll sich erheblich verbessern.

Wolfgang Schmitz, Lizenznehmer des australischen Anbieters „Improved Reading“ und Buchautor zum Thema, will seine Kunden nicht einfach nur antreiben, möglichst schnell zu lesen, sondern er wünscht sich auch mehr Zugang zu den Inhalten eines Texts. Für ihn gilt Woody Allens Witz: „Ich habe an einem Schnelllesekurs teilgenommen und „Krieg und Frieden“in einer Stunde gelesen: Es geht um Russland, ganz klar am Ziel vorbei.“

Unser Gehirn, so haben Forscher in den vergangenen zehn Jahren herausgefunden, funktioniert erheblich schneller, als wir glauben. So ist es in der Lage, mindestens drei Wörter mit einem einzigen Blick als Wortgruppe zu fokussieren. Unser großer Wortschatz, das sogenannte mentale Lexikon, hilft uns, darin ganze Sinngruppen zu identifizieren. Schließlich haben wir diese in der Regel schon millionenfach rezipiert. „In Wortgruppen zu lesen, fördert das Textverständnis in erheblichem Maße“, erklärt Wolfgang Schmitz, „das unterscheidet uns vom Leseanfänger, der sich zunächst mühsam von Buchstabe zu Buchstabe durchlaviert und dabei den Sinn des Worts erst durch lautes Mitsprechen begreift.“

Schulzeit für das Leseverhalten entscheidend

Wir könnten also schneller lesen – warum tun wir es dann nicht? Der Grund ist einfach: Die Basiserfahrung, fleißig von Wort zu Wort zu lesen, hat sich durch Lehreranweisungen in der Schulzeit („Lies langsam! Schau genau hin!“) tief eingeprägt, sie beeinflusst das Leseverhalten bis heute maßgeblich. Das Resultat sind drei Bremsen, die unser Lesetempo in der Regel beherrschen:

                 ·    Subvokalisieren: Der Leser spricht im Kopf leise mit.

                 ·    Regression: Häufiger Rücksprung im Text.

                 ·    Enger Blickfokus: Die Blickspanne des Lesers erfasst nur ein einziges Wort.

Fazit: Das Gehirn wird systematisch verlangsamt. Das führt im schlimmsten Fall dazu, dass die Gedanken beim Lesen spazieren gehen und wir den gelesenen Text nicht verstehen. Gabriele Forster vom Seminaranbieter „Braintrain“ in Stuttgart ist sich sicher: „Normales Lesetempo langweilt das Gehirn.“

Gerade das Subvokalisieren wird dem Leistungsniveau des menschlichen Gehirns nicht gerecht. Wer sein Lesetempo an das Sprechtempo angleicht, verliert deutlich an Schwung. Wer schneller lesen will, muss deshalb zunächst seinen „kleinen Mann im Ohr“ zum Schweigen bringen.

Die Regression, also das Zurückspringen der Augen auf den Anfang des Absatzes oder der Zeile, ist eine weitere Lesebremse. Wenn die Augen Stück für Stück über die Zeilen wandern, wandern auch die Gedanken – zu einem anderen Thema. Die Folge: Wir müssen uns immer wieder mühsam zur Ordnung rufen und erneut von vorne beginnen. Der Zickzackkurs durch den vorliegenden Text kostet Zeit und erschwert es, den Inhalt gut zu verstehen. Wer schneller liest, hält sein Gehirn auf Trab – und den Kopf bei der Sache.

Auch die Augen verhindern, dass das Gehirn Vollgas gibt. Leseexperte Schmitz erklärt: „Mit Wort-für-Wort-Lesen engt man seinen Blickfokus auf ein absurdes Niveau ein – die Augen können weit mehr erfassen, wenn wir in Sinngruppen lesen.“

Lesetraining vermittelt deshalb das sogenannte „Chunken“, das Erfassen einer Sinngruppe als Bündel von mindestens drei Wörtern, das im Kopf einen Sinn ergibt. Darüber hinaus gehen geschulte Leser in ihren Texten ständig auf die Suche nach Sinn-Signalen, oder einfacher: Nach aussagekräftigen Schlüsselwörtern. Sinn-Signale transportieren die Aussage oder die Botschaft des Autors. Hat man den Sinn bereits verstanden, ist es überflüssig, akribisch jedes Wort im Text voll zu erfassen. Dies ist besonders nützlich für schwierige Texte mit Fremdwörtern, Fachvokabular oder gar bei Texten in einer Fremdsprache, in dem der Leser unbekannten Begriffen oder spezifischen Orthografien begegnet. Das Gehirn ist an dieser Stelle nämlich großzügig, es ist in der Lage, „Sinnlücken“ in großer Zahl selbstständig zu ergänzen.

Wer das Schnelllesen für sich entdeckt hat, ist in der Regel begeistert. StB Friedrich Wirtz aus dem nordrhein-westfälischen Düren sagt: „Ich lege den Blick kurz auf die ganze Zeile, erfasse sie visuell und lese inzwischen in Windeseile.“ Seine Methode funktioniert bei Tageszeitungen und bei Fachartikeln: „Wenn ich gut drauf bin, lese ich Dinge lieber zweimal schnell, dann habe ich sie besser im Kopf.“ Wirtz ärgert sich, dass er nicht schon früher ein Seminar besucht hat. Als junger Mensch ist die Fähigkeit des Schnelllesens noch besser trainierbar. Während er als über 50-Jähriger sein Lesetempo auf das 2,4-fache gesteigert hat, schafft sein Sohn im Alter von 20 Jahren mittlerweile die siebenfache Geschwindigkeit.

Wie die Steuer- und Kanzleiberaterin Cordula Schneider empfiehlt Wirtz zum Einstieg in ein neues Leseverhalten den Besuch eines Seminars. „Dort wird man genau angeleitet.“ Autodidaktisch könne man weniger zielgerichtet und diszipliniert an die Sache herangehen. Kaum jemand werfe seine automatisierten Lesegewohnheiten so radikal über Bord, wie es für den langfristigen Erfolg notwendig sei.

Trainerin Gabriele Forster, die mit speziellen Lesegeräten arbeitet, welche das Tempo vorgeben, bestätigt: „Den Teilnehmern fällt es selbst in den Kursen unglaublich schwer, den Regler nach oben zu drehen und schneller lesen zu müssen!“ In uns stecke eine tiefe Furcht, Elementares zu übersehen, die wir in langen Schuljahren eingebläut bekommen haben, glaubt Forster.

 

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