Weniger Geld, mehr Freizeit – Als Berufsanfänger in Teilzeit arbeiten

Veröffentlicht am von Haufe eCampus Redaktion

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Jung, keine Kinder, kein Zweitjob – und dennoch streben manche Berufseinsteiger einen Teilzeitjob an. Warum?

Laut einigen wissenschaftlichen Studien wird die bewusste Entscheidung für eine Teilzeitstelle bei Berufsanfängern in Deutschland immer beliebter. Vor allem Arbeitszeitmodelle zwischen 60 und 90 Prozent gewinnen an Attraktivität.

 

 

Für diesen Trend werden verschiedene Ursachen genannt:

  • Generation Y (alle, die nach 1980 geboren sind) legt im Gegensatz zu früheren Generationen großen Wert auf eine Balance zwischen Arbeit und Privatleben. Statt „Karriere machen um jeden Preis“ und als Workaholic zu gelten, ist es mittlerweile erstrebenswerter, gesund und ausgeglichen zu leben.
  • In den letzten Jahren wurden die Voraussetzungen für flexible Teilzeitmodelle im Hinblick auf die Elternzeit geschaffen, da vor allem junge Väter vermehrt versuchten, ihre Arbeitszeit zu reduzieren. Diese Regelungen lassen sich nun leicht auf andere Arbeitnehmer übertragen.
  • Der Wunsch zum „Downshifting“ wird in unserer Gesellschaft immer größer: Ziel ist es, ein selbstbestimmtes, erfülltes Leben zu führen, der Arbeit weniger Raum zu geben und das eigene Leben zu entschleunigen. Besonders als Folge der Wirtschaftskrise nimmt das Bewusstsein für die Vergänglichkeit von materiellem Reichtum zu.
  • Durch den demografischen Wandel erhalten gut ausgebildete Berufseinsteiger mehr Marktmacht und trauen sich dadurch, kürzere Arbeitszeiten zu verlangen. Gerade in gefragten Bereichen wie z.B. Informatik, wo sich die Arbeitszeit häufig flexibler einteilen lässt, können diese Wünsche leichter durchgesetzt werden.

 

Dennoch bleibt das Teilzeit-Modell bei Berufsanfängern noch eine Ausnahme. Dies könnte daran liegen, dass sich bisher nur wenige trauen, ihren Wunsch zu äußern – aber sicherlich auch an den Risiken, die eine Teilzeitstelle mit sich bringt:

  • Teilzeit muss man sich leisten können! Nicht jeder kann einfach auf ein Fünftel seines Gehalts verzichten.
  • Sie zahlen weniger in die Rentenversicherung ein und bekommen nach dem Ende Ihres Berufslebens weniger Geld. Die Angst vor Altersarmut kann sehr belastend sein.
  • Als Teilzeitarbeitnehmer müssen Sie mit dem Unverständnis von Seiten der Kollegen oder Ihren Eltern rechnen.
  • Eine Teilzeitstelle kann Ihre Karriere- und Aufstiegschancen im Unternehmen verringern.
  • Oft erhalten Teilzeitarbeitnehmer weniger Möglichkeiten, an Fort- und Weiterbildungen teilzunehmen.
  • Teilzeitarbeitnehmer fühlen sich manchmal nicht als fester Bestandteil des Teams und müssen damit zurechtkommen, auch mal etwas im Betrieb zu verpassen.

 

Auf der anderen Seite sind zahlreiche Vorteile einer Teilzeitstelle zu nennen:

  • Sie haben mehr Freizeit – sei es für Sport, Hobbys oder einfach zum Entspannen und Die-Seele-baumeln-Lassen.
  • Durch eine ausgewogenere Work-Life-Balance beugen Sie Burnout und anderen stressbedingten Krankheiten vor.
  • Durch mehr Freiräume kann es Ihnen leichter gelingen, Entschleunigung in Ihr Leben zu bringen.
  • Sie können mehr Zeit mit Ihrer Familie und Ihren Freunden verbringen.
  • Eine Teilzeitstelle ermöglicht es Ihnen, Zeit in eigene Projekte zu investieren, z.B. dem schrittweisen Weg in die Selbstständigkeit, dem Engagement in Ihr Personal Branding oder der Ausübung von ehrenamtlichen Tätigkeiten.

 

Darauf müssen Sie achten, wenn Sie eine Teilzeitstelle in Erwägung ziehen:

  • Laut dem Teilzeit- und Befristungsgesetz (TzBfG) hat jeder Angestellte, der länger als sechs Monate in einem Betrieb mit mindestens 15 Mitarbeitern arbeitet, einen Anspruch auf Teilzeit. Als Berufsanfänger sollten Sie deshalb strategisch vorgehen: Beginnen Sie zunächst in Vollzeit und reduzieren Sie die Arbeitszeit erst nach ein oder zwei Berufsjahren.
  • Der Arbeitgeber kann Ihren Teilzeitantrag aus betrieblichen Gründen jedoch ablehnen.
  • Außerdem haben Sie keinen Rechtsanspruch, ohne weiteres wieder zur Vollzeitarbeit zurückkehren zu können.
  • Leben Sie Ihre Entscheidung, in Teilzeit zu arbeiten, bewusst und kommunizieren Sie sie offen gegenüber Kunden und Kollegen.
  • Legen Sie einen Plan fest, auf den Verlass ist. Machen Sie Ihren Kollegen klar, wann Sie vor Ort und erreichbar sind. Klären Sie, wann wichtige Meetings stattfinden sollen, sodass Sie bei diesen anwesend sein können.

 

Trotz dieses prognostizierten Trends zur bewussten Entscheidung für Teilzeitstellen gibt es in Deutschland gleichzeitig unzählige unzufriedene Teilzeitarbeitnehmer. Viele davon haben mehrere Teilzeitjobs, weil das Geld sonst nicht zum Leben reicht. Vor allem bei jungen Müttern besteht häufig der Wunsch, ihre Arbeitszeit aufzustocken, denn in Deutschland sind es vor allem Frauen, die in Teilzeit arbeiten. Die traditionelle Einverdienerehe wurde allmählich durch eine Eineinhalb-Einkommen-Ehe ersetzt: Der Mann arbeitet Vollzeit mit dem Wunsch, mehr Freizeit zu haben, die Frau hat einen Mini-Job, mit dem Wunsch, finanziell unabhängiger zu sein. Der Trend zu flexibleren Teilzeitmodellen könnte hier einen wichtigen Beitrag leisten. So könnten junge Eltern beide jeweils vier Tage in der Woche arbeiten.

 

Mehr Informationen und Tipps zur besseren Work-Life-Balance finden Sie u.a. hier:

  • Wiebke Sponagel: Downshifting. Selbstbestimmung und Ausgeglichenheit im Job. Haufe: Freiburg, München 2013.
  • Vera Heim, Gabriele Lindemann: Auftanken im Alltag. Haufe: Freiburg, München 2015.

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